Die Klopapier Story

Alle reden zur Zeit vom Klopapier. Meine Geschichte dazu ereignete sich bereits 1955.

Im Februar 1955, ich war 8 Jahre alt, beschäftigte mich eines Nachts ein heftiger Traum. Der triste Alltag war mir zu öde.

Als kleiner Bruder wollte ich einmal ein spannendes Abenteuer erleben. Die mahnenden Gesichter meiner älteren Brüder

kamen mir im Gedanken als hässliche Fratzen immer näher. Aus ihren Mündern sprudelte es nur so von Beschimpfungen und

beleidigten Erniedrigungen. Sie machten mich nieder, der Traum wurde zum Alptraum. Schweißgebadet wurde ich wach. 

Allerdings lagen diese Motzköpfe, anders als ich es mir im Schlaf vorstellte, friedlich auf ihren klapprigen Eisenbetten in

unserem Zimmer und schliefen. Bitterkalt und stockdunkel war es. Ich hörte nur das leise Atmen der Schlafenden. Ein heftiges

Magengrummeln war der Grund meiner saublöden Panikattacke. Mir war unwohl. Zum Anlass der Geburtstagsfeier meiner Mutter aßen wir zur letzten Mittagsmahlzeit Berliner Küche. Gekochte Blut- und Leberwurst lagen auf dem Teller. Als Beilage gab es Sauerkraut und Quetschkartoffeln überzogen mit ausgelassenem Speck. Dieses Gericht schmeckte sehr lecker, war aber für meinen empfindlichen Magen- und Darmtrakt einfach zu fettig. Das rächte sich nun. Der Durchfall kündigte sich mit heftigen Magenkrämpfen an. Ich musste noch einmal raus zum Klo. Raus im wahrsten Sinne des Wortes. Es war wohl schon Mitternacht vorbei. Vorsichtig kroch ich aus meinem Bett um bloß keinen Lärm zu machen. Ich durfte meine Brüder nicht wecken. Schließlich mussten alle morgens wieder früh aufstehen um entweder zur Arbeit oder zur Schule zu gehen. Leise schlich ich mich im Dunkeln aus dem Zimmer, zog mir in der Küche meine Gummistiefel an und verließ das Haus. Denn unser Plumsklo, auch Donnerbalken genannt, befand sich weit hinter unserem Wohngebäude, abseits im Dunkeln, des Nachts geheimnisvoll anmutenden Garten. Die zweistelligen Minustemperaturen sorgten in diesem fiesen, vereisten Winter dafür, dass sich schon seit längerer Zeit Eisblumen an den Fensterscheiben unseres Behelfsheimes in ihrer schönsten Pracht zeigten. Nur im Pyjama bekleidet, mit meinen Gummistiefeln an den Füßen, stampfte ich, widerwillig, frierend durch den hohen Schnee, der sich im Garten seit einiger Zeit immer mehr und höher auftürmte. Gespenstige Geräusche und gruselige Mondschatten prägten nachts, in der damaligen dünn besiedelten Gegend des Dorfes Bramfeld die Szene. Hinter jeder Ecke vermutete ich eine böse, finstere skrupellose Gestalt. Mein Darm meldete sich mit ernsthaften Attacken. Es wurde höchste Zeit, dass ich alsbald das Örtchen der Glückseligkeit erreichen würde, sonst wäre alles in die Hose gegangen. Als ich endlich am Schuppen angekommen war, öffnete ich mit großer Sorge, dass sich hoffentlich im Inneren niemand aufhält, der mir Gewalt antun könnte, die marode Tür. Knarrend und quietschend bewegte sie sich schwerfällig in den Raum hinein. Der starke Wind rüttelte heftig an Holzwänden und aufgepeitschter Schnee drängte sich durch die Ritzen und Spalten der Außenbretter. In dieser baufälligen Bretterbude waren neben Gartengeräten, Kohlen und anderem Krimskrams auch unsere Hühner und unser Klo untergebracht. Für mich war es hier im Dunkeln ein Horrorort. Nachdem es mir nach einigen Versuchen geglückt war mit einem Streichholz eine Kerze anzuzünden, um ein wenig Licht in der Dunkelheit dieser Hölle zu haben, sah ich, dass sich der Schnee inwendig als Teppich niedergelassen hatte. Auch die Sitzfläche vom Klo war weiß überzogen. Ein besorgter, vorsorglicher Blick, bei Kerzenschein, in die Tiefe des Kackeimers und drum herum war mir sehr wichtig und notwendig, um mich davon zu überzeugen, dass dort kein Vieh lauerte und etwa auf die Idee käme mich zu beißen, denn Ratten und anderes Ungeziefer suchten hier auch Schutz vor der Kälte. Besonders Mader schlichen sich immer wieder in unseren Stall, um die Hühner zu killen. Nachdem ich den Sicherheitscheck durchgeführt und den Schnee von der Sitzfläche der Klobretter entfernt hatte, saß ich nun zitternd, nicht nur vor Angst, sondern auch vor der Kälte, auf dem Klo. Der Darm wollte es so, dass ich einsam und allein dieser Situation ausgesetzt war. Kein Familienmitglied dachte daran, mich in der späten Stunde meiner Not zu begleiten und zu beschützen. Hätte ich Schwäche gezeigt, wäre ich obendrein noch als Angsthase verspottet worden. Gespenstiges, lautes Hundegeheul, als ob Wölfe jaulten, war aus der Ferne zu hören. Aus dem nahen Hühnerstall konnte man unruhiges Scharren vernehmen. Die Gummistiefel baumelten nun nervös unter den heruntergelassenen Pyjamahosenbeinen, während ich bemüht war mein Geschäft schnellstens zu erledigen. Jedoch der Durchfall brauchte seine Zeit. Hoffnungsvoll bald fertig zu sein, rieb ich ängstlich am Klopapier, wie damals üblich, ein Blatt einer in Stücke gerissenen alten Bildzeitung. Dieses Groschenblatt, wie es der Volksmund in der Zeit nannte,weil eine Zeitung 10 Pfennige kostete, bekam zum Schluss seiner Existenz noch eine bedeutende Aufgabe. Um mich von meinem Elend abzulenken, schaute ich mir im Kerzenschein das Stückchen Papier genauer an. Voller Begeisterung sah ich, als begnadeter Knabenfußballer, mit einer ansehnlichen Torquote, schemenhaft auf diesem Fetzen ein Bild mit Fußballern von meinem Hamburger Sport Verein. Für einen Moment waren meine fürchterlichen Ängste wie weggeblasen. Ich schwärmte kurz vom Fußball und träumte davon auch einmal meine Lieblingself im Stadion zuschauen und zujubeln zu können. Für mich war klar, sollte ich es von hier wieder lebend ins Haus und bis in mein Bett schaffen, werde ich alles daran setzen, mir im kommenden Frühjahr ein Spiel vom Hamburger SV, im Stadion am Rothenbaum, mit meinem Idol, dem Jungstar und Mittelstürmer Uwe Seeler, anzusehen.

Ich schaffte es auch diesmal wieder unversehrt, allerdings mit dem Abdruck des verschmierten Spielerbildes am Po, zurück in mein Bett und es war der Beginn einer jahrzehntelangen Fanfreundschaft mit dem HSV.


Diese Klopapier Story stammt aus meiner Familensaga " BÖSE BÜRDE "

 

Sie jagten uns wie  die Hasen

Der VE-Day steht als Abkürzung für Victory in Europa Day und bezeichnet den 08. Mai 1945 als Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa.

Unter der Last von Schuld und Scham, als Folgen der Naziverbrechen und des Holocaust, war ein jahrzehntelanges Schweigen der Kinder, der Täter und Mitläufer, von Kriegserlebnissen in Deutschland üblich. 75 Jahre nach dem Kriegsende des Zweiten Weltkrieges sollten wir zuhören was uns die letzten lebenden Zeitzeugen dieser Katastrophe, die damaligen Kriegskinder, zu berichten haben.

Wenige trauen sich nun im hohen Alter mit ihren Kriegserlebnissen an die Öffentlichkeit.


Seit ewigen Zeiten, treffen sich in Hollenstedt einige rüstige, ältere Damen zum jährlichen Klassentreffen. Aus dem Jahrgang 1932/33 leben rund um Hollenstedt noch 9 ehemalige Klassenkameradinnen. 6 davon sind fit und mobil und haben sich im Ende 2019 bei Kaffee und Kuchen in gemütlicher Runde getroffen. Aus aktuellem Anlass wurde zu der Zeit viel über den Kriegsbeginn von 1939 in den Medien berichtet. Und so kam es, dass sich die Damen an ihren erlebten, grausigen Geschichten mit ihrem > Schulzug < erinnerten.


Erika , 88 Jahre alt, jetzt wohnhaft in Buxtehude, aufgewachsen in  Hollenstedt, hat mir nun ihre Kriegserinnerungen aus dieser Zeit erzählt.


Nach der vierten Klasse war Erika stolz, dass sie auf die Mittelschule nach Buchholz wechseln durfte. Von Hollenstedt fuhr das Mädchen mit ihren Schulkameraden mit dem Zug nach Buchholz. Nicht weit vom Bahnhof entfernt konnten die Kinder das Schulgebäude zu Fuß erreichen. Diese Bahnverbindung wurde extra für die Schüler und Schülerinnen aus dem ländlichen Umfeld von Buchholz eingerichtet. Man nannte ihn den Schulzug.

Von Harsefeld bis Buchholz sammelte er die Schulkinder an den Haltepunkten Beckdorf, Rahmstorf, Staersbeck – (Moisburg), Hollenstedt, Drestedt, und Trelde ein. Der Zug brachte die Jungen und Mädchen morgens zur Schule und nachmittags wieder zurück in die heimatlichen Dörfer.


Erikas Vater war schon seit 1941 Soldat der Wehrmacht und kaum zu Hause.

Durch die ständige Abwesenheit des Vaters und die Angst, dass ihm im Krieg etwas zustoßen könnte, waren der Familie die Geschehnisse zwar bewusst, aber außer Entbehrungen blieben sie von Kriegsszenarien verschont. Mit den Luftangriffen der Operation Gomorrha, die hauptsächlich von englischen Bombern, im Juli und August 1943 , auf Hamburg ausgeführt wurden, änderte sich die Situation. Auch die Randbezirke von Hamburg wurden bombardiert und englische Tiefflieger nahmen gnadenlos alles unter Beschuss, was sich bewegte. So wurde auch der morgendliche Schulzug von Hollenstedt nach Buchholz, für die Schulkinder völlig überraschend beschossen. Erika erzählt, dass die Kinder unter den Sitzen, mit ihren Schultaschen über ihren Köpfen in Deckung gegangen sind. Bis die Tiefflieger ihren Beschuss auf den Zug einstellten, verharrten die Fahrgäste völlig geschockt in ihren Deckungen. Nun war der Krieg auch in Hollenstedt angekommen. Immer wieder kamen die Tiefflieger und beschossen die Menschen wie Hasen, wenn sie sich nicht recht- zeitig in Deckung begeben konnten. Die Schulkinder sollten allerdings weiterhin mit der Bahn nach Buchholz fahren. Am Ende des Zuges wurde zur Abwehr der Luftangriffe ein Waggon angehängt, auf dem eine Flak montiert wurde. Allerdings haben sich die älteren Flakhelfer bei einem Angriff lieber unter den Waggon vor dem Beschuss versteckt. So konnten die Flugzeuge ungehindert die Waggons und deren Fahrgäste beschießen. Die Kinder rannten nach dem ersten Beschuss aus den Abteilen und hofften, nachdem die Flugzeuge eine Schleife gedreht hatten und beim Rückflug den Beschuss fortsetzen, irgendwo Deckung zu finden. Vor Angst eingenässt und eingekotet krochen die überlebenden Kinder völlig verstört, nach einem Angriff, wieder aus ihrer Deckung. Zum Glück wollten die Verantwortlichen, den Kindern diese Kriegsangriffe nicht länger mehr zumuten. Der Schulzug wurde Ende 1944 eingestellt. Erika und die anderen Kinder besuchten nun wieder die Volksschule in Hollenstedt. Nur ein Jahr, während ihrer Schulzeit, konnte die Arme in Frieden leben. Denn 1946 wurde sie dann in Hollenstedt konfirmiert und ihre Schulzeit war zu Ende. Tapfer hat Erika bis ins hohe Alter die Geschehnisse, die Todesangst, die sie bei jedem Luftangriff spürte, weggesteckt. Eine Opferrolle nahm sie nicht an. Das Traumata wird sie allerdings bis an ihr Lebensende begleiten. Ihre Geschichte sollte Mahnung sein, für die, die meinen, unsere Demokratie beschädigen zu müssen. Denn Demokratien sind die besten Garanten für ein friedliches Nebeneinander der Nationen.

 
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